Literaturempfehlung: Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung
Literaturempfehlung   von Mathias Kluge


von Georg Theunissen und Kerstin Schirbort (Hrsg.)

Dieses im Jahr 2005 im Kohlhammerverlag erschienene Buch passt genau zu unseren derzeitigen Diskussionen und Interessengebieten und beschäftigt sich auf 284 Seiten mit dem Begriff und der Idee der Inklusion insbesondere im Hinblick auf den Bereich des Wohnens von Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung. Der Untertitel des Werkes, in dem außer den beiden Herausgebern noch etliche namhafte AutorInnen der Integrationsliteratur in eigenen Beiträgen zu Wort kommen, lautet: „Zeitgemäße Wohnformen - Soziale Netze - Unterstützungsangebote".

Schon seit einigen Jahren steht in der internationalen Fachdebatte die Leitidee der Inklusion hoch im Kurs. Inklusion zielt auf die „volle Teilhabe" von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben. Dahinter steht ein Konzept, das von Lebenswelten ausgeht, in denen auch Menschen mit Behinderungen in vertrauter Umgebung das notwendige Maß an Unterstützung für eine aktive soziale Partizipation finden. 

Das Buch von Professor Dr. Georg Theunissen und Dr. Kerstin Schirbort, die beide am Institut für Rehabilitationspädagogik, Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg tätig sind, ist in vier zentrale Themenbereiche gegliedert.

Der erste Themenbereich befasst sich mit dem Begriff der Inklusion aus verschiedenen Blickwinkeln: aus der Perspektive der Heil- und Sonderpädagogik, aus der Betroffenen-Perspektive und aus soziologischer Sicht. Dies geschieht immer im Vergleich zu diesbezüglichen internationalen Bestrebungen und Entwicklungen. Auch einige andere Schlagwörter wie „empowerment", "included identity", "community care", "supported living", usw. werden erklärt.

Der zweite Themenbereich greift Entwicklungen, Grundsatzfragen und Theoriediskussionen auf, die sich zunächst auf zeitgemäße Wohnformen für Menschen mit Lernschwierigkeiten (geistiger Behinderung) im Erwachsenenalter beziehen. Begriffe wie „Soziale Netze", „Bürgerschaftliches Engagement", „Corporate Citizenship" und „Bürgerzentrierung" werden in Verbindung zur Inklusion expliziert, wobei es auch hier hauptsächlich um Menschen geht, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht für sich selber sprechen können. Auch die zukünftigen Aufgabengebiete der Verbände der Behindertenhilfe werden diskutiert.

Auf den Seiten 124 bis 126 entdeckt man im Rahmen des Beitrages „Leben in ‚Parallelgesellschaften'" von Prof. Matthias Dalferth meiner Ansicht nach zwei Kernaussagen die zum intensiven Nachdenken anregen: „Konsequenzen für das Wohnen von schwer geistig und mehrfach behinderten Menschen" und „Rahmenbedingungen und Standards für das zeitgemäße Wohnen geistig schwer und mehrfach behinderter Menschen". 

 Im dritten Themenblock wird es praxisorientiert: es werden vier unterschiedliche Trägerkonzeptionen vorgestellt, denen eine innovative und richtungsweisende Bedeutung  für zeitgemäße Wohnformen zukommt. Über die Konzepte hinaus kann man auch an den Erfahrungen, den Stolpersteinen und den Visionen teilhaben und gelangt zu der Erkenntnis dass es keine Normen für das Leben von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf gibt - betreutes Einzelwohnen, Wohngemeinschaften mit Assistenz, Generationhäuser, oder auch sogenannte Dorfgemeinschaften, die sich gelegentlich schon nahe am Heimstatus bewegen,  können geeignete Lebensräume bieten - wenn sie denn inklusiv erdacht und vernünftig gemacht sind.

 Der vierte und letzte Themenblock des Buches befasst sich mit den wichtigsten Unterstützungsangeboten und - methoden, die „inklusives Wohnen und Leben" erst ermöglichen, verwirklichen und sichern können. „Individuelle Hilfeplanung", „Unterstützungsmanagement", „Beratung", „Krisenintervention", „Zukunftsplanung" und „Persönliches Budget" sind die Stichworte auf die in den einzelnen Beiträgen eingegangen wird.

 Am Ende jedes Beitrages des Buches finden Sie umfangreiche Literaturempfehlungen, so dass Ihrem Interesse an diesem und damit verwandten Themen kaum Grenzen gesetzt sind.

 Meiner Meinung nach ist das Buch nicht nur all denen zu empfehlen die als Angehörige oder Betroffene das Ziel von gemeindeintegrierten (urbanen), differenzierten Wohnformen mit ambulanten bzw. unterstützenden Diensten für ein möglichst selbstbestimmtes, individuelles, sinnerfülltes, zufriedenes Leben anstreben.

Vielmehr ist es ein Thema für die ganze Gesellschaft, da es sich bei „Community Care" um soziale Dienstleistungen der Gemeinschaft handelt, die geleistet werden um Mitgliedern der Gemeinschaft, die aus eigener Kraft ihr Leben nicht oder nicht vollständig selbständig bewältigen können, ein Leben mit Unterstützung inmitten der Gesellschaft zu ermöglichen...

 

Das Buch ist im Buchhandel  für 32.- Euro unter der folgenden Nummer erhältlich:

ISBN 3-17-018925-5

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