Schullaufbahn von Tobias Wolf

Hier ein Erfahrungsbericht der schon ein paar Jahre alt ist, aber immer noch für Eltern interessant...

Integration - wie wir sie für uns alle erhoffen oder:Tobias war von Anfang an immer dabei

Noch immer werden weit über 90% aller Kinder, bei denen pränatal ein Down-Syndrom diagnostiziert wird, abgetrieben. Warum? Menschen mit Down-Syndrom können ein erfülltes und glückliches Leben führen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Potenzial in einer integrativen, anregenden Umgebung zu entfalten. Die Lebensgeschichte von Tobias Wolf, der zurzeit eine Highschool in den USA besucht, macht dies mehr als deutlich und ist zugleich ein Plädoyer für das Leben und die Akzeptanz von Kindern mit Down-Syndrom.

Schwangerschaft und Frühförderung
Tobias kam im August 1979 zur Welt. Damals hätte ich nie geglaubt, dass ich heute, nach 20 Jahren, einen Bericht über ihn schreiben sollte um aufzuzeigen, dass Integration möglich ist. Für uns als Familie war Integration keine Alternative sondern normal. Unser ältester Sohn (14) sagte damals: „Es gibt doch Menschen mit verschiedenen Blutgruppen, warum sollte es dann nicht auch Menschen mit einem anderen Chromosomenbild geben?"Tobias Wolf als Drei jähriger
In den Jahren vor der Schwangerschaft mit Tobias hatte ich mit Kindern in der Frühförderung gearbeitet. Montessori-Pädagogik und Orff-Musik-Therapie waren mir vertraut. Von diesen Erfahrungen konnte Tobias bereits pränatal profitieren. Das Ergebnis der Amniozentese, eine Trisomie 21 (Down-Syndrom), war zwar ein Schock, aber es gab mir auch die Möglichkeit, mich früh genug mit Fragen, Zweifeln, Verzweiflung und Schuldgefühlen, gemischt mit allen guten Hoffnungen, Zuversicht und Vorfreude auseinanderzusetzen. Ich hatte einer Fruchtwasseruntersuchung zugestimmt, um, wenn es denn so wäre, früh genug Bescheid zu wissen und mich darauf einstellen zu können. Dann mit der Tatsache konfrontiert zu sein, ist trotz allem ein Schock.
Als ich nach der Entbindung Tobias endlich in die Arme schliessen konnte, sagte mir die Hebamme: „Daran müssen Sie sich gewöhnen, dass die Zunge so rausschaut, das ist bei diesen Kindern so." Aber ich weiß noch, dass ich darauf zu Tobi sagte: „Das ist doch alles gar nicht schlimm." Und so war es auch. Ein Herzfehler, den ich am meisten fürchtete, hatte sich Gott sei Dank nicht bestätigt Der Klumpfuss rechts wurde mit Bobat-Gymnastik und später durch das Tragen eines Spezialschuhs unauffällig. Tobias konnte im Alter von ca. 30 Monaten frei laufen. Sein schlaffer Muskeltonus, seine Trinkmüdigkeit, seine Bereitschaft lieber zu schlafen, als zu den Mahlzeiten aufzuwachen, forderten meine ganze Geduld. Dass ich ihn sehr lange stillen konnte und ihn mit Glöckchen, Geräuschen, Liedern und Musik immer wieder aufweckte, machte ihn dann im Laufe der Zeit zu einem aufgeweckten, fröhlichen, kleinen Jungen. Noch bevor er in kleinen Sätzen sprechen konnte, sang er viele, viele Kinderlieder oder wiederholte und ergänzte Reime.

Kindergarten und Grundschule
Im Alter von ca. 4½ Jahren war Tobis Neugierde, seine Umgebung zu erkunden, groß genug, dass er dreimal von zu Hause weglief, weil ihn die Abbiegestreifen auf der B2 (!) und die Schienen der Eisenbahn (!) faszinierten... es wurde Zeit, ihn im Kindergarten anzumelden. Er besuchte den Regelkindergarten in Mittenwald, zunächst stundenweise am Nachmittag, später im Alter von 5 Jahren, nach den Sommerferien, vormittags. In diesen ersten Jahren bis zur Einschulung mit 8 Jahren wurde er einmal wöchentlich durch fachkundige Therapeuten im Kinderzentrum von Garmisch-Partenkirchen liebevoll betreut und begleitet.
In den Pfingstferien fuhren wir in diesen Jahren immer nach Korsika mit unseren großen Söhnen und deren Freunden, mit Surfbrettern und Schlauchboot auf dem Autodach. Tobis Leidenschaft möglichst tiefe Löcher im Sand zu graben und nachzuschauen, wo das Wasser nachkommt, hat bis heute angehalten. Eine der ersten Zeichnungen, die er vor einem Jahr in Vashon Island, für seinen Lehrer anfertigte, war ein Bild des verzweigten Kanalsystems in München. Ich erwähne diese Details, weil alle diese Eindrücke und Anregungen seiner ersten Lebensjahre bis heute sichtbar nachwirken.
Die Einschulung in eine Regel-Grundschule war 1987 im Bayerischen Oberland unvorstellbar, obwohl damals das „Hellbrügge-Modell" in München bereits länger als 15 Jahre existierte und die positiven Erfahrungen in den Jahresberichten der Aktion Sonnenschein nachzulesen waren. Diese Berichte waren es und meine Hospitationszeiten in der Montessori-Schule in den Jahren bevor Tobias zur Welt kam, die uns den Mut gaben, in München wegen eines Schulplatzes für Tobias anzufragen. Tobias wurde zu einem mehrtägigen Probeunterricht nach München eingeladen und überzeugte die Fachleute, nach vielen Jahren auch wieder der Integration eines Schülers mit Down-Syndrom eine Chance zu geben. So kam es, dass wir fünf Jahre während der Schultage in München in einer Studenten-WG wohnten. Dies war Tobis Grundschulzeit. In der jahrgangsgemischten Klasse von Herrn Schweitzer wurde Tobis Interesse am Geschichtsunterricht geweckt. Seine Neugierde, die schon immer dem Abendhimmel und dem Mond galt, bekam in der Kosmischen Erziehung die notwendigen verständlichen Antworten.

Hauptschule
Als Tobias in die Montessori-Hauptschule überwechseln konnte, suchten wir uns eine Wohnung in deren Nähe mit dem Ziel, dass Tobias seinen Schulweg nun selbstständig bewältigen sollte; was er auch wollte, weil fast alle Mitschüler mit dem Bus oder mit der U-Bahn fuhren.
Der Wechsel in die Hauptschule verlief nicht ohne Probleme. Er kannte keinen einzigen Mitschüler in seiner neuen Klasse und auch alle Lehrer waren ihm neu, was bedeutete, dass auch die Lehrer ihn nicht kannten. Er beteiligte sich nicht im Unterricht und so konnten auch seine Lehrer nicht wissen, ob er überhaupt zuhörte oder irgendetwas vom Unterricht hängen blieb. Frau Dr.Schamberger vom Münchner Kinderzentrum kam zur Beobachtung in die Klasse, besuchte Wochen später Tobias zu Hause und stellte mit Überraschung fest, dass Tobi ihr fast alles aus der Geschichtsstunde, an der sie damals teilgenommen hatte, wiederholen konnte. In Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin, Frau Weidner, wurden gute Möglichkeiten gefunden, ihn besser zu integrieren und zur Mitarbeit zu motivieren. Er besuchte den Englisch-Unterricht und beteiligte sich mit mündlichen Beiträgen. Tobias besuchte die Hauptschule bis zum Abschluss der neunten Klasse. Alle Schülerinnen und Schüler konnten in dieser Zeit lernzieldifferent arbeiten, einige erreichten den Quali-Abschluss, andere den regulären Abschluss der Hauptschule. Tobias erhielt ein Noten-Abschlusszeugnis der Montessori-Schule der Aktion Sonnenschein München mit dem ihm bestätigt wurde, dass er seine Volksschulpflicht erfüllte. Es umfasste die Fächer Religion, Deutsch, Sachkunde, Erdkunde, Biologie, Geschichte, Sozialkunde, Physik/Chemie, Erziehungskunde, Mathematik, Arbeitslehre, Musik, Kunsterziehung, Sport, Hauswirtschaft sowie die Wahlfächer Englisch, ITG, Maschinenschreiben.
Er hatte in diesen Schuljahren unglaublich viel gelernt, konnte immer mitreden, wenn es um aktuelle Fragen ging im Sport, in der Hitparade oder in der Politik, konnte Zusammenhänge in Geschichte und im Tagesgeschehen erkennen. Er war ein begeisterter Sänger im Schulchor bei Frau Jola Goltz, war über viele Jahre Schüler am Freien Musikzentrum in München in einer Klasse von Frau Falk und konnte Erfahrungen in praktischer Arbeit in der Montessori-Kinderwerkstatt bei Frau Schuhmann sammeln. Die Wege zu diesen Freizeitaktivitäten bewältigte er alleine mit U-Bahn, S-Bahn und Bussen.

Förderlehrgang Gartenbau
Wie seine Mitschüler wurde Tobias in der achten Klasse im Arbeitsamt getestet mit dem Ergebnis, dass ihm ein Förderlehrgang im Gartenbau in der Berufsvorbereitenden Einrichtung in Holzhausen bei Landsberg (Magnusheim) bewilligt wurde. Das Schubladendenken und Etikettieren von Schülerinnen und Schülern ist in dieser Sonderschule noch sehr ausgeprägt. Tobias sollte den Förderlehrgang nach einem halben Jahr verlassen, weil er langsamer als seine Kollegen arbeitete. Dieser Entlassung stimmte jedoch das Arbeitsamt München nicht zu und seine Berufsschullehrerin Frau Neumayr stand ihm treu und standhaft zur Seite. Zu seiner Ausbildung gehörte in dieser Zeit ein dreiwöchiges Praktikum im Green-Team der cba (Fachdienst für berufliche Integration) in München. Für Tobias eine gute praktische Erfahrung und eine Möglichkeit, seine Selbständigkeit zu üben. Mit dem Abschluss dieses Förderlehrgangs hatte Tobias nun auch seine Berufsschulpflicht erfüllt. Der Abschied von seiner geliebten „Peperoni" - Wohngruppe in Honsolgen fiel ihm nicht leicht. Die „Peperonis" sind ca. 12 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Förderlehrgängen des Magnusheims, die in einer betreuten Wohngruppe in einem gemütlichen Neubau in Honsolgen ihr zweites Zuhause gefunden haben. Tobias hatte sich dort sehr gut eingelebt, viel an Selbständigkeit und Sozialverhalten dazugelernt, hatte die Heimfahrten an den Wochenenden mit der Bundesbahn alleine zurückgelegt.

Was nun ?
Alle Schulmöglichkeiten waren mit dem Schuljahr 1997/98 für Tobias in Bayern erschöpft. Einen Arbeitsplatz in einer Beschützenden Werkstatt konnten wir uns nach diesen vielen Jahren der Integration in allen Lebensbereichen für ihn nicht vorstellen. Für einen Arbeitsplatz mit Assistenz schien uns die Zeit noch zu früh. Wir waren und sind der Meinung, dass Tobias noch sehr viel lernen kann. Was lag deshalb näher als uns in Vashon Island, einer Insel in der Nähe von Seattle, USA, um eine Einschreibung in die Highschool zu bemühen? Tobis Vater arbeitet seit mehr als 20 Jahren für eine amerikanische Firma, die dort ihren Hauptsitz hat. Von Sommerurlauben kannte Tobias Vashon Island seit 1986.
Von dieser Schule erhielten wir auf unsere Anfragen nur positive Antworten. Alle Türen wurden für Tobias geöffnet. Deshalb ist Tobi nun seit Herbst 1998 Schüler im Transition-Programm der Vashon Highschool. Das Transition-Program einer amerikanischen Highschool ermöglicht behinderten Schülerinnen und Schülern, einen guten Übergang von der Schulzeit in die Welt der Erwachsenen zu finden, um so unabhängig wie möglich leben und arbeiten zu können und in der Freizeit gut in ihrem sozialen Umfeld integriert zu sein. Er besucht die Schule mit Begeisterung und es geht ihm sehr gut.