| Ideen und Visionen für Felix - Zukunftsplanung |
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Als Felix die vierte Klasse unserer Volksschule in Brennberg besuchte, wo er seit Jahren in „Einzelintegration" im Rahmen seiner Lern- und Fördermöglichkeiten unterrichtet wurde und aktiv am Schulgeschehen teilnahm ohne dabei die Kulturtechniken erlernen zu können. Um den Übergang von der Grundschule in die Hauptschule gut vorbereiten zu können, entschlossen wir uns zu einer „Persönlichen Zukunftskonferenz" für Felix, die hier auszugsweise dokumentiert werden soll. Die ersten Erfahrungen mit persönlicher Zukunftsplanung machte ich im Herbst 2000 im Rahmen einer Veranstaltung mit Ines Boban und Andres Hinz in Lauf/Pegniz. Der interessante Vortrag und die faszinierenden Beispiele ließen mich nicht mehr los und ich besorgte mir Literatur über diese Methode und besuchte weitere Informationsabende. Schon bald war mir klar, dass wir eines Tages für Felix so eine Zukunftskonferenz abhalten sollten Als sich dann der Übergang von Grund- zur Hauptschule anbahnte und sich „in der Ferne" doch schon als eine weitere Hürde in den Integrationsbestrebungen zeigte, hielten wir es für angebracht uns Gedanken über die weitere Lebensgestaltung von Felix auch über die Schullaufbahn hinaus zu machen, um schon jetzt die Weichen so zu stellen, dass wir uns später nicht irgend einen wichtigen Weg verbaut haben. Ines Boban, die wir glücklicherweise für die Moderation gewinnen konnten, besuchte uns schon ein paar Monate vor der eigentlichen Zukunftskonferenz zu einem Sondierungstreffen und wir entwickelten Pläne über die Strategie und Zielsetzung und über die Zusammensetzung des Unterstützerkreises. Der Unterstützerkreis Dieser Kreis musste dann natürlich rechtzeitig informiert und eingeladen werden und setzte sich aus folgenden Personen zusammen : Felix` Bruder Michael (12 Jahre) und wir Eltern, zwei mit der Familie und eben auch mit Felix eng befreundete Paare, eine davon ist Felix` Patentante, die Heilerzieherin, die seit Beginn der Schulzeit Felix täglich nicht nur in der Schule betreut, eine Sozialpädagogin, die während der Studienzeit jahrelang „Babysitterdienste" bei Felix geleistet hat und sich im Rahmen ihres Studiums intensiv mit der Integration von Felix beschäftigt hat, eine Lehramtsstudentin, die derzeit nach Bedarf auf Felix aufpasst, die Lehrerin von Felix aus der 1./2.Klasse und die aktuelle Klassenlehrerin, eine Heilpädagogin, die einmal pro Woche in der Schule für Felix zuständig ist, eine Sonderpädagogin, die im Rahmen des „mobilen Dienstes" die Integration begleitet und die langjährige Physiotherapeutin von Felix. Wir hatten das Glück, dass wirklich alle Personen, die wir eingeladen hatten auch mitmachen konnten und wollten!
Am Vorabend der Zukunftskonferenz organisierten wir einen öffentlichen Vortragsabend zur Thematik in Regensburg, an dem auch der ganze Unterstützerkreis teilnahm, so dass die Zeit am nächsten Tag nicht mit den allgemeinen Erklärungen der Methode belastet werden musste.
Befragung der Klassenkameraden Bereits am Vortag besuchte Ines Boban zusammen mit der Co-Moderatorin Nina Hömberg die Volksschule in Brennberg. Während Nina Hömberg sich mit dem Team der Schule beriet, führte Ines Boban zusammen mit der Klassenlehrerin eine Befragung der Mitschüler/innen von Felix durch. Die Meinung von Gleichalterigen und Freunden sollte in einer Zukunftskonferenz immer Gehör finden, allerdings sind die Kinder in diesem Fall einfach noch zu jung gewesen, um an der Konferenz teilzunehmen. Neben allgemeinen Fragen zu dem Wesen von Freundschaften und der Art und Anzahl von Freunden, beantworteten sie mit Feuereifer und einem erstaunlichen Gespür Fragen zu den Stärken von Felix, zu den Möglichkeiten wie und wo er später einmal leben könnte, was beruflich aus ihm werden könnte und was er aber auch noch dazu lernen müsste, dass dies alles so klappen könnte. Auffallend war, dass es für die Kinder völlig klar und selbstverständlich ist, dass Felix dafür immer auch die Assistenz anderer Menschen brauchen wird und das dies aber selbstredend in unserem Dorf möglich sein wird. Selbstverständlich sind viele Ideen der Mitschüler/innen in die Zukunftskonferenz mit eingeflossen.
MAP - Making Action Plan Nach den ersten beiden Schritten von MAP, der Vorstellrunde und der Situation und Geschichte von Felix wurden Träume von und für Felix gesammelt aber auch kurz ein paar Albträume genannt. Träume Felix soll in Brennberg leben können. Er ist umgeben von vielen Leuten, die er gern hat. Felix soll so fröhlich bleiben und weiterhin von so guten Freunden wie seinen Klassenkameraden begleitet werden. Felix führt ein Leben mit Musik - auch im Beruf (Orchester / Percussion). Felix soll immer Zugang zu einem Auto plus Fahrer haben. Brennberg bekommt eine Tankstelle - Felix hat als Tankwart ständig Kontakt zu allen Brennbergern. Felix wird im Rahmen Gleichaltriger selbstständig ( begleitet von der Familie) -- dies ist auch woanders denkbar. Felix lebt in einer Wohngemeinschaft mit mehreren Leuten und einem „Agenten" in Regensburg und nimmt so an dem Trubel und den Möglichkeiten der Stadt teil. Felix führt ein Leben nach dem „Lustprinzip". Felix hat eine Umgebung in der er sich wohlfühlen kann. Die gewachsene Gemeinschaft in Brennberg bleibt ihm als „Netz, das ihn trägt" erhalten, d.h. WG mit anderen Behinderten und Assistenten in Brennberg, Michael (Schulfreund) ist Hausmeister, Felix kann sich frei im Dorf bewegen, trifft viele Bekannte, usw... Felix bekommt einen Teilzeitjob in der Autowerkstatt Senft. Felix lebt in einem Haus am Mittelmeer. Felix macht einen Führerschein oder verfügt über Technik, die es ihm ermöglicht selbstbestimmt Auto zu fahren. Felix wird Bademeister è kann täglich schwimmen. Felix jobt in einem Tonstudio. Albträume Von verschiedensten Teilnehmern der Zukunftskonferenz wurden verschiedene Albträume genannt, die viel mit Isolation, Langeweile, Unterbringung, „Satt und Sauber - Pflege" usw. zu tun haben. Diese Albträume wurden jedoch bewusst nicht dokumentiert, da wir uns mit den positiven Gedanken rund um und mit Felix beschäftigen wollten. Welche Stärken hat Felix ? Die nächsten Etappen von MAP beschäftigen sich mit den Gaben, Vorlieben und Talenten aus der Sicht des Unterstützerkreises. Dabei kamen folgende Antworten zustande: Humor, seine offene Art, er kann auf Menschen zugehen, Musik / Rhythmus, er kann Menschen „öffnen", er ist Moderator, was um ihm geschieht, er wirkt als „Beschleuniger" und „Katalysator", Felix hat eine notorisch gute Laune - selbst wenn er krank ist, er kann gute Emotionen schaffen, er kann sich in einem guten Umfeld auch gut entwickeln, Felix überrascht Leute, seine Spontanität, er erinnert Menschen an die Essenz der Dinge, Felix hat einen festen Willen, seine Stärke ist seine Stärke, Felix ist sehr beziehungsfähig, er weiß wer ihm gut tut, Felix nimmt sich Entspannung wann er sie braucht ( irre Fähigkeit!), Felix kann mit kleinen Dingen zufrieden sein, Felix spürt Stimmungen und kann bei Bedarf rücksichtsvoll sein, Felix kümmert sich um Andere. PATH - Planing Alternative Tomorrows With Hope Die letzten beiden Etappen von MAP wurden nicht bearbeitet, da wir nach einer ausgiebigen Mittagspause mit der Methode PATH weiterarbeiten wollten. Der erste Schritt hierbei ist die visionäre Formulierung einer Zielperspektive mittels einer imaginären Zeitreise. Was ist mit Felix im Jahre 2012 ( im Alter von 20 Jahren )? Jeder Teilnehmer des Unterstützerkreises formulierte für sich alleine Ideen, wie Felix Leben im Jahre 2012 aussehen könnte und so kam eine große Sammlung von mehr oder weniger realistischen Möglichkeiten zusammen, die alle an einer großen Tafel aufgeschrieben und dann gemeinsam einer gewissen Auswahl unterworfen wurden. Die wesentlichen Ideen seien hier aufgeführt: Felix hat viele Freizeitfreunde, Felix spielt in einer Band zusammen mit Musiktherapeuten. Felix lebt in einem Haus auf dem Land, z.B. in Brennberg (WG für Behinderte und Nichtbehinderte) mit Garten, Schwimmbad, Hausmeister und guter Betreuung, dank der Busverbindung in die Stadt ziehen Studenten mit in die WG. Felix fährt mit seinen Leuten mit dem Bus in Urlaub an´s Meer (ohne Eltern). Felix hat sich verliebt. Felix bietet mit seinem Kleinbus und seinem Assistenten regelmäßige Fahrten für die Kinder und Jugendlichen des Dorfes an (z.B. zur Musikschule, in´s Schwimmbad, zum Sport, -- auch Discobus am Wochenende ist denkbar) und nimmt an ihm entsprechenden Angeboten selbst teil. Dieses „soziale Busunternehmen" dient dem Gemeinwohl und stärkt so die Integration. Auch Fahrten als Einkaufsshuttle (Dienstleistung) sind möglich. Das „Lustprinzip" für Felix´ Alltag wird immer wieder hinterfragt, da die Gefahr besteht, dass er häufig zu sehr beschäftigt ist. Felix ist Experte für eine neue Kommunikation von Herz zu Herz. Er hilft anderen sich auch so zu verständigen. Felix ist immer durch eine so gute Assistentin wie Manu begleitet. Felix wird „Botschafter der Vielfältigkeit" und kommt in einem Buch vor. 2.Schritt: Wo starten wir ? Wie sieht es jetzt aus ? Felix ist bekannt, gern gesehen und gut integriert in Brennberg. Felix lebt in überschaubarer Umgebung (geschützt) - gilt aber als „Elitebehinderter" im Dorf, die anderen behinderten Kinder „sieht man nicht". Für die Grundschulzeit ist Felix´ Schullaufbahn gesichert - der Übergang in die Hauptschule könnte schwierig werden. Noch sorgt Manu gut für Felix´ Betreuung - was ist später? Braucht Felix andere (männliche) Betreuung? Zur Zeit - und für die nächsten ca.5 Jahre ist seine physische Verfassung gut (keine OP). Die familiäre Situation ist gut, -- es braucht aber immer einen Unterstützerkreis, um mögliche Krisen abzufedern. 3.Schritt: Wen wollen wir einbeziehen ? Welche Bündnispartner haben wir ? Das Umfeld Brennberg muss einbezogen werden, z.B. die anderen Kinder mit Behinderungen. Schulleiter und Hauptschullehrer in Brennberg sollen helfen den weiteren schulischen Weg zu bereiten. Wir müssen einen „geeigneten Lehrer" für das Projekt gewinnen (z.B.direkt fragen) und auf gemeinsamen Unterricht vorbereiten. Eltern und Kinder, die mit der Integration vertraut sind sollen Überzeugungsarbeit leisten. Außerdem brauchen wir: -die verschiedenen Schulbehörden, -Kommunalpolitiker, angefangen bei Gemeinderat und Bürgermeister, -die Schule in Rettenbach (Partner für die Teilhauptschule), -gute Kontakte im Schulamt sollten rechtzeitig genutzt werden. 4.Schritt: Was kann uns stärken ? Hier ging es darum, wie sich die Unterstützer belohnen und stärken können um weiterhin mit viel Kraft an Felix` Zukunft arbeiten zu können. Ein Auszug der Ideen: Ins Stadthaushotel nach Hamburg fahren (mit Besichtigungsprogramm). In die Berge gehen und einmal nach Linz (?) in das Hundertwasserhaus (Wellness) fahren. Am 10.Mai frei - und mit einem netten Menschen wegfahren. Ein Wochenende mit meinem Mann an einem schönen Fleckchen. Vorbereitung und Reise nach Kirgisien. 5.Schritt: Wie weit sind wir in einem Jahr ? Die weitere schulische Laufbahn ist geklärt: Felix bleibt bei seiner jetzigen Gruppe, zwei Klassen werden gebildet, zwei geeignete Personen sind gefunden (Lehrer und Integrationshelfer) Nachmittagskontakte bleiben erhalten und werden weiter gepflegt (zuhause und auch bei anderen Kindern und bei gemeinsamen Ausflügen). 6.Schritt: Was ist in einem halben Jahr passiert ? Das weitere Vorgehen ist mit dem Schulleiter abgesprochen und angebahnt. Gespräche mit dem Schulrat haben stattgefunden. Felix überzeugt den Schulrat. Ein „Runder Tisch" zu Felix´ schulischer Situation hat getagt (mit Lehrerkollegium, Schulleiter, Schulrat, Therapeuten, Eltern, usw. ). 7.Schritt: Womit beginnen wir in der nächsten Woche ? Die Lehrerinnen berichten dem Schulleiter vom heutigen Tag. Die Heilerzieherin spricht als Teampartner den „Wunschlehrer" bezüglich Felix´ schulischer Perspektive an. Mathias spricht am Donnerstag mit dem Schulleiter. Termin für den „Runden Tisch" festlegen, (Kontakte mit Schulamt im Auge behalten). Agenten bestimmen Zum Abschluss dieses langen „Brainstorming - Tages", an dem Felix mit überraschender Geduld , von Schoß zu Schoß rutschend fast die ganze Zeit teilgenommen hatte, wurde noch eine enge Freundin zur Agentin von Felix gewählt, die den geplanten Prozess „überwachen" soll. Wir erlebten eine gelungene Veranstaltung die man nur wärmstens weiterempfehlen kann und die trotz der stundenlangen intensiven Arbeit dank der professionellen und lockeren Moderation von Ines und Nina nie langweilig wurde.
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